Was sehen wir, wenn wir einen Menschen zum ersten Mal anschauen? Und was bleibt dabei vielleicht unsichtbar? Beim bundesweiten IN VIA-Aktionstag „Bunt und laut! Zusammen gegen Diskriminierung“ geht es darum, Vielfalt sichtbar zu machen und gemeinsam ein Zeichen gegen Diskriminierung zu setzen. Auch bei IN VIA Würzburg e.V. haben sich die Bereiche Jugendhilfe und Migration mit eigenen Aktionen beteiligt – kreativ, persönlich und mit viel Raum für Austausch.
Mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht

In den Angeboten der vollstationären Jugendhilfe leben Mädchen und junge Frauen, die im Alltag pädagogisch begleitet und auf ihrem Weg in ein selbstständiges Leben unterstützt werden. Die Klientinnen setzten sich auf unterschiedliche Weise mit Vielfalt, Individualität und Diskriminierung auseinander. Dabei ging es immer wieder um die Frage: Was macht einen Menschen
aus – und was sehen andere vielleicht nicht auf den ersten Blick?
In den teilbetreuten Wohngruppen (16-21 Jahre), entstand unter dem Titel „ICH BIN MEHR ALS, WAS DU SIEHST“ eine besondere Spiegel-Aktion. Jede Klientin gestaltete einen eigenen Spiegel mit persönlichen Eigenschaften, Interessen und Stärken. Anschließend wurden die Spiegel zu einem gemeinsamen Bild zusammengefügt. So wurde sichtbar: Jeder Mensch hat viele versch
iedene Facetten und ist mehr als einzelne Merkmale oder Zuschreibungen.

Auch die heilpädagogischen Wohngruppen setzten sich mit dem Thema Diskriminierung auseinander. Die WG 1 (13-21 Jahre) setzte ein klares Zeichen gegen vorschnelle Beurteilungen. In einer gemeinsamen Collage stellten die Klientinnen Fragen wie „Woher du kommst …“, „Wie du aussiehst …“, „Welche Klamotten du trägst …“ oder „Welche Noten du schreibst …“ gegenüber der Botschaft „IST MIR EGAL“. Die Aktion macht deutlich: Herkunft, Aussehen, Kleidung, schulische Leistungen oder andere äußere Merkmale sollten nicht darüber entscheiden, wie wir einen Menschen wahrnehmen oder behandeln.
In der WG 3 (9-14 Jahre) entstand ein kleines, individuell gestaltetes Puzzle. Die einzelnen Teile wurden mit persönlichen Gedanken, Fähigkeiten und Bildern gestaltet und anschließend zu einem gemeinsamen Ganzen zusammengesetzt. Auch hier s

tand die Botschaft im Mittelpunkt, dass jede Person etwas Eigenes mitbringt und gleichzeitig Teil einer Gemeinschaft ist. Zusammen sind wir ein starkes Ganzes.
Im Betreuten Einzelwohnen (16-21 Jahre) wurde diese Idee ebenfalls aufgegriffen. Unter dem Motto „Jede ist einzigartig – gemeinsam sind wir ein Ganzes“ gestalteten die Klientinnen eigene Puzzleteile mit persönlichen
Eigenschaften, Interessen und Stärken. Erst gemeinsam ergab sich daraus ein großes Ganzes.

So entstanden vier ganz unterschiedliche Aktionen mit einer gemeinsamen Botschaft: Niemand sollte auf einen ersten Eindruck, ein einzelnes Merkmal oder eine Zuschreibung reduziert werden. Vielfalt bedeutet, dass Menschen unterschiedlich sind – und gerade darin liegt die Stärke einer Gemeinschaft.
Wenn Erlebtes einen Namen bekommt
Im Bereich Migration stand eine andere Erfahrung im Mittelpunkt: Was passiert, wenn Diskriminierung nicht nur ein Begriff bleibt, sondern Teil des eigenen Alltags ist?
Gemeinsam mit den Frauen wurde darüber gesprochen, was Diskriminierung und insbesondere Rassismus bedeuten und wie beides im Alltag sichtbar werden kann. Die Frauen konnten eigene Erfahrungen teilen – wenn sie wollten und in dem Umfang, in dem es sich für sie richtig anfühlte.
Dabei wurde von Situationen in der Straßenbahn, am Arbeitsplatz oder bei Ärzt*innen erzählt. Situationen, die vielleicht schnell als einzelne unangenehme Begegnung abgetan werden. Im gemeinsamen Gespräch konnten sie jedoch benannt werden: Das war Rassismus. Das war Diskriminierung. Und es ist nicht etwas, das man einfach hinnehmen muss.
Der Austausch wurde von den Frauen als unterstützend und stärkend erlebt. Denn manchmal kann es bereits viel verändern, wenn eine Erfahrung ausgesprochen, von anderen
verstanden und gemeinsam eingeordnet wird.
Anschließend konnten die Frauen ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen aufschreiben – in der Sprache, in der sie sich am besten ausdrücken konnten. So entstanden persönliche Botschaften in unterschiedlichen Sprachen. Sie machen sichtbar, wie vielfältig die Perspektiven sind und wie unterschiedlich Diskriminierung erlebt werden kann.

Bunt und laut – und gemeinsam
Die beiden Aktionen bei IN VIA Würzburg e.V. zeigen zwei Seiten desselben Themas: Diskriminierung kann darin liegen, auf ein bestimmtes Merkmal reduziert zu werden. Sie kann aber auch ganz konkret im Alltag erfahren werden.
Die Jugendhilfe setzte den Fokus darauf, den Blick auf die vielen Facetten eines Menschen zu richten. Im Bereich Migration ging es darum, Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung auszusprechen, sichtbar zu machen und ernst zu nehmen.
Dabei geht es nicht nur darum, über Diskriminierung zu sprechen. Es geht auch darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich zeigen, ihre Erfahrungen teilen und ihre Stimme erheben können.
Bunt und laut zu sein kann vieles bedeuten: einen Spiegel zu gestalten, ein Puzzleteil zu einem großen Ganzen beizutragen, eine Erfahrung aufzuschreiben oder zum ersten Mal auszusprechen, was passiert ist.
Mit ihren Aktionen haben die Klientinnen und Frauen von IN VIA Würzburg e.V. genau das getan: Sie haben ihre Perspektiven sichtbar gemacht und gemeinsam ein Zeichen gesetzt – für Vielfalt, für gegenseitigen Respekt und gegen Diskriminierung.
(Text: Anna Ernstberger, IN VIA Würzburg e.V.)